Die stetige Pilgerreise Richtung Reich Gottes: Kirche als messianisches Volk. Für eine konziliative, weltbezogene Katholizität diesseits ekklesialer Festungsbildung hinter Mauern vermeintlicher Gotteskrisen.
Wie für die gelingende Ringvorlesung ‚Synode 72‘ schon Tradition, durfte ich auch bei der dritten Vorlesung, gehalten von Prof. Eva-Maria Faber, in einem gefülltem Hörsaal ein instruktives und inspirierendes Referat geniessen. Einmal mehr aber zeigte sich, dass der hoffnungsvolle konziliäre Aufbruch, wie er in der in Lumen Gentium verwendeten Redeweise der Kirche als messianisches Volk Gottes auffachte, in der Folge wieder erlöschte. Auch die zukunftsweisende in Lumen Gentium (LG 13) beschriebene Vorstellung von Katholizität, welche dem ursprünglichen Sinne von katholisch ‚ganzheitlich‘ auch Inkulturation und eine Weltoffenheit beinhaltet, verblasst angesichts der engen, vielerorts propagierten exklusivistischen, ekklesial und papal zentrierten Spiritualität.
Der Verdacht liegt nahe, dass Gotteskrisen den Kirchenkrisen vorgeschoben werden, um kirchliche Reformbestrebungen zu umgehen. Kirchenkrisen werden zu Gotteskrisen und damit oft der Aufbruch zu neuen Horizonten verhindert. Heute scheint der Relativismus mithin eines der grössten Probleme zu sein und die Verkündigung steht, wer möchte das bestreiten, an oberster Stelle. Dennoch lässt sich fragen, ob sich neben der dringlichen Gotteskrise nicht auch die eine oder andere Kirchenkrise angehen liesse. Viel wäre schon gewonnen, wenn diese Verbindung bzw. Vermengung zwischen Gottes- und Kirchenkrise gar nicht erst hergestellt würde, bzw. wenn die eine Seite nicht gegen die andere ausgespielt würde, um sich auf mehreren Ebenen oder an mehreren Flanken zugleich darum bemühen zu können, dem Anspruch an das messianische Volk Gottes, nach Kräften gerecht zu werden.
Die Messianität des Gottesvolks liegt in dessen Sendungsbewusstsein begründet, welches in der Nachfolge Christi besteht und welches sich im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität auf der Welt sowie dem Dienst an Benachteiligten, Armen, Ausgegrenzten, Kranken und der Schöpfung verleiblicht. Das messianische Volk Gottes ist unterwegs auf einer Pilgerreise Richtung Reich Gottes. Dennoch bleibt dieses Pilgern eine stetige Approximation – die societas perfecta, das Reich Gottes auf Erden gibt es nicht und wird es bis zum Ende der Tage nicht geben. Was es aber gibt und geben soll ist die redliche Bemühung darum, in liebendem Dienst an der Welt, das Messianische des Volkes Gottes, das Reich Gottes auf Erden soweit möglich in die Tat umzusetzen. Der Weltbezug umfasst dabei nicht nur einige besonders katholische Mitbrüder, sondern die gesamte Schöpfung.
Diese schrankenlose unvoreingenommene Weltoffenheit und die karitative Praxis muss wesentlich Kirche kennzeichnen. Glücklicherweise gibt es weltweit Heerscharen von weltoffenen, urkatholischen Arbeiterinnen und Arbeiter, Helfer und Helferinnen in mannigfachen kirchlichen oder kirchlich nahen, aber auch vielen weltlichen, Institutionen und Organen, die Grund zur Hoffnung auf eine konziliativere, weltbezogenere Katholizität geben, in dem sie gemeinsam die Rede des messianischen Gottesvolkes in und mit der Welt verwirklichen.