Das Blöken der Herde: Als die Schafe plötzlich sprechen konnten… – Wie viel Partizipation verträgt Rom?

40 Jahre ist es her, da sich die Kirche in der Schweiz, Deutschland, Österreich und den Niederlanden im Ausnahmezustand befand! Der Geist des Konzils war nach wie vor präsent – die Kirche blickte optimistisch in die Zukunft und verwirklichte in den Ortskirchen durch Wellen der Demokratisierung in Synoden, Tagsatzungen, Beratungsgruppen, Konzilsbriefkästen etc. die Vorgaben des Konzils. Vielerorts wurde in gross angelegten Befragungsaktionen der Stimme des Kirchenvolks erstmals Gehör verschafft. Dabei war man technisch auf dem höchsten Stand und benutzte bereits Lochkartencomputer für die Auswertung der Fragebögen. Anderorts bewältigte man in einem ausserordentlichen Kraftakt das Beantworten von über zehntausend Briefen. Eine befragte Person bedankte sich beispielsweise in einem Brief bei ihrem Bischof dafür, nicht mehr als blökende Herde, sondern als Brüder und Schwestern angesprochen zu werden, wie Professor Ries in seinem Vortrag in einer treffenden Pointe zeigte.

So verheissungsvoll dieser Aufbruch auch schien, so ernüchternd waren letztlich die Ergebnisse der Synoden. Entweder wurden die Beschlüsse von Rom abgeschmettert oder sie wurden schlichtweg nicht umgesetzt. Man kann sich heute wehmütig fragen, ob die Brüder und Schwestern nicht doch eine blökende Herde geblieben sind, mit dem Unterschied, dass sich nun auch die Bischöfe zur blökenden Herde gesellt haben?

Der Hoffnung auf wahre demokratische Partizipation ist in der Kirche wenig Erfolg beschieden. Gegen allzu freiheitliche, die Macht Roms untergrabende, Tendenzen ist immer eine Instruktion, eine Bulle oder ein Dekret zuhanden. So wird in einer Instruktion vom 19. März 1997 von den Bischöfen gefordert, dass kirchenrechtswidrige, von der fortwährenden kirchlichen Lehre und vom päpstlichen Lehramt abweichende Positionen und Thesen in der Synodendiskussion ausgeschlossen werden. Zudem wird die Praxis der Einreichung von Voten unterbunden. Diese Instruktion kommt einer totalen Abschottung gegen jegliche Partizipation und Verabsolutierung der Definitionskompetenz und -Macht Roms gleich. Diese Instruktion verdeutlicht aber auch, dass nun auch die Bischöfe zur blökenden Herde gezählt werden dürfen. Das Schlimmste ist aber wohl, dass jegliche Möglichkeit der partizipativen Einflussnahme zur Veränderung des Status Quo von Rom generell unerwünscht zu sein scheint.

Die Schafe hatten plötzlich gesprochen. Was diese aber zu sagen hatten, und überdies die Verbrüderung der Bischöfe mit den Schafen, die sich somit am Blöken der Herde beteiligten, gefiel den Oberhirten so wenig, dass sie einen lähmenden Zaun um die Hierarchie und Autorität Roms errichtet haben. Die Frage ist, wie diese Schranken im Geiste des Konzils wieder aufgeweicht werden können. Ein Weg könnte die Praxis eines ‘ekklesialen Ungehorsams’ sein, wie der emeritierte Professor für Sozialethik Hans Halter in der Diskussion nach Professor Ries‘ Referat in dieser treffenden Formulierung vorschlug. Ein solcher könnte sich als friedliche, freie, demokratische Partizipation ausgestalten, als Widerstand gegen eine Kirche, in der das Kirchenvolk die Liebe Gottes, wie sie sich uns in Jesus Christus offenbart hat, nicht verwirklicht sieht.

Dabei wird aber, selbst für demokratiefreundliche Vertreter der Kirche, behutsam zu beachten sein, dass eine Demokratisierung der Kirche nicht in spaltendem Wildwuchs und Beliebigkeit oder Streit ausartet. Diese Befürchtung dürfte wohl die für Rom erträgliche Grenze der Demokratisierung definieren. Es kann in einer solchen bewahrenden Sichtweise wohl nur eine Demokratisierung ohne hierarchische Nivellierung in Frage kommen. Kurzum: Partizipation ja, aber Rom behält das letzte Wort!

Es bleibt daher weiterhin zu fragen, ob es nicht an der Zeit wäre, der blökenden Herde nicht doch endlich die geschuldete Mündigkeit zuzusprechen und sie vertrauensvoll in die eigene Verantwortung zu überlassen.

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Comments
6 Responses to “Das Blöken der Herde: Als die Schafe plötzlich sprechen konnten… – Wie viel Partizipation verträgt Rom?”
  1. Simone Parise sagt:

    Ist denn “Demokratie” das angebrachteste System für die Kirche? Die Mehrheit kann doch auch eine unfaire, nicht-christliche oder ethisch fragwürdige Entscheidung treffen. Selbst in der Schweiz kommt es vor, dass durch demokratische Entscheidungen einige benachteiligt oder nicht beachtet werden.

    Ich finde den Artikel aber sehr gut… der gesamte Blog ist bis jetzt interessant und ansprechend!

    • uniluzern sagt:

      Lieber Herr Parise
      Erstmal herzlichen Dank für ihren wichtigen Kommentar! Sie sprechen hier meines Erachtens ein ganz wichtiger und schwieriger Punkt an. Demokratie kann, wie Sie ganz richtig anmerken, ein gefährliches System für die Kirche sein.. In Analogie zur staatlichen Ebene, die Demokratie beispielsweise durch Menschen- oder Grundrechte begrenzt, wäre auf kirchlicher Ebene analog zu fragen, welche Normenbestände in der Kirche die Demokratie begrenzen können.. Ist es vielleicht die menschliche Würde? ..oder vielleicht eine an Jesus Christus orientierte Praxis? Das Dilemma ist wohl, dass solche Demokratie begrenzenden Normen aus der Tradition, der Bibel oder der Vernunft zu ziehen wären – wenn aber Rom diesbezüglich die Definitionsmacht innehat, ist ein Dialog oder Diskurs über diese grundlegende Frage von vornherein unterbunden, was eigentlich sehr schade ist, da wir in der Praxis Jesu Christus doch einen grossen Schatz an orientierenden Handlungsweisen haben, im Lichte dessen allzu viel (schädliche) Demokratie begrenzt werden könnte.
      Herzlichen Dank für diese wichtige Anmerkung – da gibt es wahrlich viel zu diskutieren und zu tun!
      Liebe Grüsse aus Luzern!

      • “Demokratie ein gefährliches System für die Kirche” und “schädliche Demokratie”: Ihre Antwort, liebe “uniluzern” spricht Bände! Im Gegensatz zu mir wenden Sie sich dem “lieben Herr Parise” in liebevoller brüderlicher Weise zu, während Sie es nicht für nötig halten, sich a) zu outen oder b) mir zumindest eine Antwort auf meine berechtigte Anfrage zu geben (cf. mein Mail-Eintrag vom 14/10/2012 um 17:34). Bezüglich Demokratie und Kirche kann ich nur wiederholen: Der Wanderprediger aus Nazareth hat nie eine Kirche gegründet. Und hätte es nicht eine Konstantinische Wende gegeben, wäre das Christentum eine Sekte geblieben. Das europäische X-tum liegt leider bis heute im eurozentrischen römischen Lotterbett. QED.

    • Roland Caamaño sagt:

      Liebe Frau Gisler Fischer. Zuallererst entschuldige ich mich noch mal, dass Ihr Kommentar bislang nicht beantwortet wurde und hoffe auf Ihr wohlwollendes Verständnis meiner Stellungnahme in der Antwort zu ihrem Kommentar vom 14.10.2012. Ich weiss nicht genau, was Sie meinen, wenn Sie sagen, dass meine Antwort auf den Kommentar von Herrn Parise Bände spricht und kann auf diesen Kommentar daher leider nur teilweise eingehen.
      Zu Ihrer Aussage über den Wanderprediger von Nazareth: Die Antwort auf die Frage, ob Jesus Gründer der Kirche war oder nicht, hängt, so denke ich, hauptsächlich vom grundgelegten Kirchenbegriff ab – bei einem offenen, nicht primär institutionell oder konfessionell geprägten, Kirchenbegriff, als Gemeinschaft der Menschen in Christus, bin ich schon der Meinung, dass man sagen kann, Jesus Christus hätte die ‚Kirche’ begründet und auch gegründet, insofern als sein Wirken am Anfang eines langen, dann später sogar institutionalisierten und stets sich ausdifferenzierenden Verkündigungs- und Traditionsprozesses steht, auf Grund dessen wir heute eine vitale Pluralität an Konfessionen und christlichen Gemeinschaften aller Art haben, die sich gemeinsam auf Christus und das Evangelium berufen. Aber dieser Punkt ist ein weites Feld und ich kann Ihr Statement und Ihre Aussage gut nachvollziehen.
      Das geerbte Lotterbett – ich nehme an, Sie meinen damit die aus römischer Zeit geerbten hierarchischen Strukturen der Institution Kirche in Rom – muss, auch da stimme ich mit Ihnen vielleicht teilweise überein, sicher renoviert, vielleicht auf den Kopf gestellt oder gar abgeschafft werden. Einige grundlegende Schritte in die richtige Richtung sind mit dem Konzil meines Erachtens schon getan – bleibt zu hoffen, dass das neue Pontifikat mit viel Elan und Energie diesen Weg mutig weitergeht und die Arbeit am Lotterbett im Geist des Konzils weiterführt (es ist ja auch die umgekehrte Bewegung denkbar, welche ich mir der Kirche und Ihrem sozialen und Heilsauftrag zuliebe nicht wünsche)! Herzlichen Dank für Ihren anregenden Kommentar und herzliche Grüsse aus Luzern! Roland Caamaño

  2. Liebe VerfasserInnen dieses und weiterer Kommentare auf diesem Blog
    Schade, dass Sie sich hinter der Marke “uniluzern” verstecken oder vielleicht sogar verstecken müssen, das Sie ansonsten vielleicht Sanktionen auf allzu kritische Einträge gewärtigen müssten. (dem System röm.-kath. Kirch traue ich alles zu). Unfair ist es trotzdem, wird von uns KommentatorInnen doch Transparenz gefordert. “I speak for myself”, diesen Bloggrundatz sollten auch Sie beherzigen!
    Nun zum eigentlichen Thema Ihres Eintrags: Wenn die röm.-kath. Kirche ihre gesellschaftliche Relevanz nicht gänzlich verlieren will, muss sie sich an demokratische Strukturen gewöhnen, bzw. diese zulassen. Die Unfehlbarkeit in lehramtlichen Äusserungen zu beanspruchen ist eine reine Machtdemonstration; so z.Bsp. das Verbot, über die Frauenordination diskutieren zu dürfen. Aber hallo?! Die Zukunft gehört denen, welche sich dialogisch und dezentral auf exegetische Erkenntnisse und die “Zeichen der Zeit” argumentativ einlassen können. Due befreiende Praxis des Juden aus Nazareth, die Tradition (so es denn sein muss) und last but not least die Vernunft sollten dabei Richtschnur des Denkens, Urteilens und Handelns sein.
    Freundlich grüsst Sie
    Esther Gisler Fischer, lic.sc.rel.

    • Roland Caamaño sagt:

      Liebe Frau Gisler Fischer – entschuldigen Sie zu aller erst bitte, dass meine Antwort solange hat auf sich warten lassen! Der Blog, den Sie kommentiert haben, ist auf studentische Initiative entstanden und wurde als Blog zu einer Ringvorlesung verfasst, die aus Anlass des 40jährigen Jubiläums der Synode ’72 an der Universität Luzern gehalten wurde. Das Blogprojekt war zeitlich begrenzt auf die Dauer der Ringvorlesung und wurde nur bis Ende des entsprechenden Semesters geführt. Ihr Kommentar ist aus diesem Grunde unbemerkt geblieben, was mir sehr leid tut (Herr Müller, der Fakultätsmanager der theologischen Fakultät, hat mich über diesen Umstand in Kenntnis gesetzt). Ich bitte Sie um Verständnis und hoffe dieses Missgeschick, mit diesem Kommentar (diesmal von der anderen, kommentierenden Seite) trotzdem wiedergutmachen zu können. Zu Ihrem Kommentar möchte ich daher wie folgt Stellung nehmen: Bei den Blogs handelt es sich um Blogbeiträge von Studierenden zu verschiedenen Vorlesungen, die im Rahmen der erwähnten Ringvorlesung gehalten wurden. Es handelt sich bei den Blogbeiträgen keinesfalls um Aussagen, die kraft eines Amtes, noch sonst im Rahmen irgendeiner institutionellen Einbindung und damit einhergehender inhaltlichen Vorgaben verfasst wurden. Der Blogbeitrag, den sie kommentiert haben, stammt aus meiner Feder bzw. Tastatur und war ‚mein Blog’ zur entsprechenden Veranstaltung. Dass wir bei den Blogs das vermutlich etwas unglückliche Pseudonym ‚uniluzern’ wählten (und damit wohl unwerwünschte Assoziationen weckten), hängt damit zusammen, dass diese die Ringvorlesung begleitende Blogreihe so konzipiert war, dass ursprünglich mehrere Studierende aus dem Blogteam hier bloggen sollten und das Blogteam sich den Namen ‚uniluzern’ gab. Unsere bürgerlichen Namen waren uns nicht so wichtig, da es bei den Blogbeiträgen darum gehen sollte, einen Dialog oder eine Diskussion mit witzigen, pikanten und manchmal implizit, manchmal explizit polemischen Beiträgen anzuregen bzw. zu starten. Ich freue mich daher über Ihr Echo und Ihren Kommentaren, welche ich inhaltlich sehr schätze, aber auch wegen Ihrer erfrischenden Direktheit und Ehrlichkeit! Ich stimme Ihrem Kommentar zu meinem Beitrag weitgehend zu und freue mich, dass Sie Vieles, was in meinem Beitrag implizit angelegt war, so schön zuspitzen und unverblümt zur Sprache bringen. Gerne hoffe ich, mit meiner Stellungnahme die gebotene Transparenz hergestellt zu haben. Ich bedanke mich nochmals herzlich für Ihren Kommentar und verbleibe, mit herzlichen Grüssen. Roland Caamaño

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